Unternehmensgeschichte

Anmerkungen zur Geschichte eines der ältesten deutschen Filmunternehmen

Münster, der Gertrudenhof und

Die Kinder des Olymp

Die Frühgeschichte von Atlas beginnt bereits während der Kriegsjahre in Münster, als im Oktober 1942 Bomben der Alliierten die Innenstadt und alle Lichtspielhäuser zerstörten. Auf der Suche nach einer neuen Abspielstätte für Filme stieß man schnell auf Hanns Eckelkamp, dessen Familie einen großräumigen Restaurationsbetrieb, den Gertrudenhof betrieb. Mit 19 Jahren eröffnete Hanns Eckelkamp 1946 in der Kneipe seines Vaters die Gertrudenhof Lichtspiele. So kam Münster zu seinem ersten Nachkriegskino und Familie Eckelkamp zum Film.

Der Gertrudenhof entwickelte sich rasch zur Institution. Bei gutem Wetter gab’s im Sommer sogar Freilichtkino. Hanns Eckelkamp ließ dann einen Fesselballon hochsteigen, um den Outdoor-Cineasten zu signalisieren, dass eine Vorstellung angesetzt war.

Eckelkamps Begeisterung fürs „Kino machen“, die besondere Liebe für die Filmkunstklassiker drückte sich in außergewöhnlichen Premieren und einem großen Repertoireprogramm aus. Das Programm wurde von anfänglichem Mainstream immer stärker auf Filmkunst umgestellt. Hatte man zur Eröffnung des Filmtheaters noch den Willi-Forst-Film Operette gezeigt, feierte Hanns Eckelkamp schon 1947 mit Kinder des Olymp seinen ersten kommerziellen Erfolg.
1954 expandierte das Familienunternehmen nach Duisburg, das „Deli Theater“ wurde wieder aufgebaut, der „Europa-Palast Duisburg“ im ehemaligen Börsengebäude direkt in der Innenstadt errichtet. Im Laufe weniger Jahre wuchs die Kinokette auf 12 Häuser an.

12 Uhr mittags – High noon

Startschuss für das kleine weiße a im blauen Kreis

Schon bald wollte sich Hanns Eckelkamp nicht nur auf den Kinobetrieb beschränken, sondern als Verleiher auch die Kinolandschaft mitgestalten. Dennoch war der konkrete Zeitpunkt für den nächsten Schritt vom Kinobesitzer zum Verleihchef eher ein Zufall. Die Geburtsstunde des Atlas Filmverleihs schlug 1960 völlig unverhofft, als Eckelkamp im Verlauf einer Geschäftsverhandlung in den Besitz der Rechte an 12 Uhr mittags kam. Der Film wurde in einer integralen Fassung und mit neuer Werbung, für die der Grafiker Fritz Fischer-Nosbisch verantwortlich zeichnete, einem erstaunten Publikum als Klassiker der Filmkunst vorgestellt. „12 Uhr mittags“ brachte dem jungen Unternehmen auf Anhieb den ersten bundesweiten Erfolg und den Applaus des Feuilletons. Fritz Fischer-Nosbisch wurde zum Schöpfer des neuen Atlas-a, das heute noch unverwechselbares Markenzeichen des Unternehmens ist.

Weitere Ausgrabungen zu Unrecht vergessener Klassiker wie Der Glöckner von Notre Dame, Die Ferien des Monsieur Hulot oder Arsen und Spitzenhäubchen folgten. So machte Atlas mit High Noon nicht nur den verpönten „Wildwestfilm“ in Deutschland als Kunstform salonfähig, sondern renovierte auch das Genre des amerikanischen Gangsterfilms als Film Noir. Laurel und Hardy, zuvor als Dick und Doof abgestempelt, wurden von Atlas in aufwendigen Wiederaufführungen als hinreißende Komiker gefeiert, die ein dankbares Publikum fanden. Sehr bald wurde Atlas zum künstlerisch ehrgeizigsten Filmunternehmen in Deutschland - das kleine Atlas-a war zeitweise bekannter als das Ufa-Zeichen.

1963 kaufte Atlas Ingmar Bergmanns Das Schweigen, den erfolgreichsten Film der Firmengeschichte. Eine dem künstlerischen Rang des Films angemessene Werbekampagne wurde entworfen, die jegliche Hinweise auf die sexuellen Aspekte unterließ. Mit diesem Schachzug erreichte Atlas die FSK Freigabe. Am 24.Januar 1964 feierte „Das Schweigen“ Premiere in deutschen Lichtspielhäusern, mit einer kleinen Kopienzahl ausschließlich in Filmkunsttheatern. Für Atlas begann eine turbulente Zeit. Gegen den Film, in dem kirchliche Vertreter Pornographie witterten, wurden Strafanzeigen erstattet, er wurde Gegenstand einer Bundestagsdebatte und einer Kampagne der Bild-Zeitung, die Eckelkamp 1.000 DM für die Information bot, wann im Film die drei anrüchigen Szenen laufen. Der Film lockte 4 Mio Zuschauer in die Kinos, brachte einen Verleihumsatz von 10,7 Mio Mark und ging in die Filmgeschichte ein. Solche Zahlen verführten und provozierten eine Überschätzung des wirtschaftlichen Potentials anspruchsvoller Filme.

Das kleine weiße a im blauen Kreis wurde nicht nur zum Markenzeichen für anspruchsvolle Filme sondern stand auch für hochkarätige Werbung. Atlas expandierte mit atemberaubendem Tempo. Zum Verleihkonzept gehörten umfangreiche und aufwendige Werbemaßnahmen sowie grafisch hervorragende Plakate. Die Atlas-Filmhefte, die Werbung, Information und ein Stück Filmliteratur in einem waren, wurden zu begehrten Sammlerobjekten. Als erster Verleih versah Atlas Litfasssäulen mit einem Ganzkörperplakat, umhüllte sie mit Werbung für einen einzigen Film: Chaplins unsterblicher Goldrausch. Die Film-Plakate sorgten für Aufsehen. Heinz Edelmann, der später durch Yellow Submarine weltberühmt wurde und der Pole Jan Lenica zählten zu den renommierten Grafikern, die aus Werbung für einen Film Kunst machten.

Dieser Anspruch war kostspielig. Dennoch reichte es nur zu Achtungserfolgen bei einem kleinen Kreis von Kennern und Filmliebhabern Die teuren Kampagnen wurden vom breiten Publikum nicht honoriert. Heute sagt HE: Es war der richtige Weg, aber es waren die falschen Filme.

In einer Zeit des Kinosterbens und wachsender Fernsehbegeisterung musste Atlas 1966 die Büros schließen und ein Schild an die Tür hängen: Wegen Geldmangel vorübergehend geschlossen!

Jahre später gestaltete Joseph Beuys eine Filmkopie auf Stahlspulen zu einem Kunstwerk. Das Objekt „Schweigen“, mit eingravierten Texten von Beuys, liegt als Dauerleihgabe seit 1993 im Filmmuseum in Frankfurt.

Große Filme im kleinen Format

Mit einem anfänglich bescheidenen 16mm-Verleih fing man in Duisburg 1967 ganz klein wieder an. Es folgte die große Zeit einer bis dahin kleinen Firma. Die Atlas Schmalfilm GmbH leistete überaus erfolgreiche Pionierarbeit im Dienst der nichtgewerblichen Kinoarbeit in Filmclubs und Kommunalen Kinos, die in den 70er Jahren als das „andere Kino“ ihre Blütezeit erfuhren. Atlas belieferte zu dieser Zeit rund 3000 Spielstellen mit einem breitgefächerten Programm von über 600 Filmen der deutschen und internationalen Produktion, überwiegend Meisterwerke klassischer und zeitgenössischer Filmkunst. Diese Epoche des Wiederanfangs ist mit dem Namen Paul Liwa eng verbunden. Er macht die Atlas Film + AV in den Folgejahren zum bedeutendsten Anbieter auf dem nichtgewerblichen Markt, zum größten europäischen Schmalfilm-Verleih. Atlas erholte sich wirtschaftlich - ausgerechnet - als nichtgewerblicher Verleih!

Mut zur Innovation und zum Engagement auf neuen Märkten sorgten in der Folgezeit dafür, dass die Atlas Unternehmensgruppe bald so gesund dastand wir nie zuvor. Atlas Film wurde in den 70er und 80er Jahren wieder ein angesehenes Label für qualitativ hochwertige Spielfilmunterhaltung - im Kino und auf Video, im Fernsehen und im nichtgewerblichen Bildungsmarkt, in Hotels und auf Schiffen und Flugzeugen.

Die Kinoverleih wurde in verkleinerter Form weitergeführt. Die alten Ideen flossen in den neuen Eckelkamp-Verleih ein: die Aufwertung und Neubewertung verkannter Genres. Diesmal war es der Trivialfilm „Helga“, der sich durch geschickte Vermarktung von seinem Image als Aufklärungsfilm befreite und Rekordeinnahmen erzielte. Jahre später machte eine clever lancierte Pressearbeit Fassbinders „Wildwechsel“ von einem kleinen Film für das Fernsehen zu einem Kinoerfolg.

Rainer Werner Fassbinder war es übrigens, der Hanns Eckelkamp indirekt zu Produktionsplänen animierte. "E" hatte das Gefühl, dass Fassinder nicht die richtigen Filme macht, dass er große, breit wirkende Stoffe braucht. Daraus entwickelte sich eine Produktionsbeteiligung an den Filmen „Die Ehe der Maria Braun“, „Satansbraten“, „Lola“, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“. Die Coproduktionen der „atlas saskia filmproduktion“ und der „atlas trio“ können sich sehen lassen: „Theo gegen den Rest der Welt“, „ Der Bulle und das Mädchen“, „Der Sommer des Falken“ und „Robbykallepaul“ von Daniel Levy.

Hanns Eckelkamp wurde 1995 mit dem Helmut Käutner-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet Das Filmmuseum Düsseldorf verfügt bundesweit über das größte Atlas-Archiv mit Plakat- und Foto-Beständen aus den 60er Jahren. 2005 wurde Eckelkamp das Bundesverdienstkreuz für seine besonderen Verdienste um die Filmkunst in Deutschland verliehen.

Atlas Film 

Als Programmlieferant ist Atlas Film seit vielen Jahren ein Partner für Programmveranstalter und Netzbetreiber in allen Marktsegmenten. Atlas Filme finden Sie heute im Fernsehen, auf DVD und Blu-Ray, sowie auf vielen Video On Demand-Plattformen.

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